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Rassismus gegen Alte -- Wo wird er sichtbar?Sind Gesellschaft und Ärzte gerüstet für den demographischen Wandel? (idw) Berlin, den 28. Oktober 2004 - Alle wissen es: Die Lebenserwartung steigt (Jahr für Jahr um 3 Monate), die Geburtenrate ist niedrig, die Alten werden immer älter, ein Ende ist über Generationen nicht abzusehen. Fast täglich wird über die demographische Entwicklung berichtet und geredet. Klar ist auch der Zusammenhang zwischen Demographie und Epidemiologie, also der Vorhersagbarkeit von Krankheitshäufigkeiten in bestimmten Altersstufen. Drei Problembereiche als die großen Herausforderungen unseres Gesundheitswesens sind schon jetzt sichtbar, und zwar für die nahe Zukunft: Deutliche Fortschritte in der Gerietraie gibt es zum Beispiel bei der Krebsbehandlung, die alten Menschen Möglichkeiten (besonders bei Lymphknotenkrebs und Leukämien) eröffnet, die es bis vor wenigen Jahren noch nicht gab. Wenn auch nicht so "spektakulär", gilt dies auch in anderen Bereichen wie der Zuckerkrankheit (Diabetes mellitus) oder bei Gefäßerkrankungen. Die Behandlungsmöglichkeiten werden immer besser, immer schonender, die Risiken auch für den älteren Patienten, auch für den multimorbiden, geringer. Das Problem liegt also nicht in den medizinischen möglichkeiten, sondern in der systematischen Vernachlässigung des Themas "Alte". Während im Herz-Kreislauf-Bereich Vorsorgestrategien wirksam sind und mittlerweile deutliche Erfolge auch in der Gruppe der Älteren zeigen, sind die Tumorerkrankungen im Alter in den Vorsorgestrategien (Krebsfrüherkennung) viel zu wenig beachtet oder werden als Problem verdrängt. Ältere Frauen gehen wesentlich seltener zur Brustkrebsvorsorge. Eine gezielte Aufklärung über das wesentlich höhere Risiko, aber auch über die guten, teilweise günstigeren Heilungs-chancen als bei Jüngeren existiert praktisch nicht. Ältere Patienten mit Darmkrebs werden nach der Operation seltener der notwendigen, sachgerechten zusätzlichen Chemotherapie unterzogen. Moderne Therapien, die oft nebenwirkungs-ärmer aber teurer sind, werden bei Alten viel seltener eingesetzt als bei Jungen. Aus solchen Zusammenhängen stammt auch der Begriff "Alters-Rassismus": In einer amerikanischen Studie - Ende 1999 publiziert im New England Journal of Medicine - wurde festgestellt, dass Alte qualitativ und quantitativ sogar schlechter behandelt werden als die "üblichen" sozial benachteiligten Gruppen. Verschärft wird dieses Problem durch die alles überlagernde Kostendiskussion im Gesundheitswesen. Das flächendeckend und verbindlich eingeführte neue Vergütungssystem für Krankenhäuser ("Diagnosis Related Groups", DRGs), also Fallpauschalenvergütungen, sind ihrem Grunde nach ebenfalls nicht mit der Situation älterer Patienten vereinbar, die natürlich meist länger im Krankenhaus liegen müssen als jüngere. Die häufigeren Begleiterkrankungen bei älteren Menschen und Komplikations-Risiken werden im Fallpauschalen-Vergütungssystem eher als ökonomisches Risiko für das Krankenhaus angesehen. Waren Krankenhäuser vorausschauend und haben Abteilungen für Altersmedizin eingerichtet, so werden sie nun aufgrund der höheren Zahl älterer Patienten für ihr Engagement ökonomisch bestraft. Die derzeitigen gesundheitsökonomischen Diskussionen betrachten also vergleichsweise kleine Probleme gegenüber der künftigen demographischen Herausforderung, so Prof. Kolb. Dies der Bevölkerung zu vermitteln, werde erheblichen Mut erfordern. Die Bereitschaft hierzu sei politisch offenbar noch unzureichend entwickelt. Erschwert wird dies in nächster Zukunft zusätzlich durch die Situation bei Qualifikation und Ausbildung der Ärzte. Zwar wurde mit Einführung der neuen Approbationsordnung erstmals immerhin einige Stunden Studentenunterricht zum Thema "Medizin des Alterns" ein erster Schritt gemacht. Gleichzeitig aber wird mit der neuen Musterweiterbildungsordnung für Ärzte (genau genommen mit ihrer Umsetzung auf Länderebene) in absurder Weise der demographisch-medizinischen Wirklichkeit entgegen gewirkt. War die klinische Geriatrie mit Änderung der letzten Approbationsordnung als eine Art "Schwerpunktfach" in die medizinische Facharztweiterbildung aufgenommen worden, so ist mit der Abschaffung des Schwerpunktes Klinische Geriatrie und damit einer strukturierten Weiterbildung ein kontraproduktiver Schritt gemacht worden. Die Geriatrie hingegen hat sich durch ihr Engagement für nicht nur ältere Patienten immer wieder auch dafür eingesetzt, die Chancen zu erkennen, die ein höherer Anteil von Älteren in einer Gesellschaft bedeuten kann. So sind die Lehrinhalte des von der Deutschen Gesellschaft für Geriatrie vorgeschlagenen Curriculums im Studentenunterricht Altersmedizin deutlich dadurch geprägt, die Ressourcen und nicht nur die Defizite älterer Patienten zu kennen, zu erfassen und zu nutzen. Wenn man die Alten einer Gesellschaft jedoch ausschließlich als Kostenfaktor betrachtet und durch Ausgrenzungen der oben beschriebenen Art die Kosten vermeintlich zu reduzieren sucht, so wird man am Ende eine noch viel höhere Zeche zu zahlen haben: weil dann Krankheiten verschlimmert, Begleiterkrankungen verstärkt und vor allem die Pflegeabhängigkeit drastisch steigen werden. "Insofern lohnt es sich, die Herausforderung anzunehmen und die aktuellen und zukünftigen demographischen Gegebenheiten auch als Chance zu verstehen", erklärte der Präsident der Deutschen Gesellschaft für Geriatrie jetzt in Berlin. PRESSE-Kontakt: Ansprechpartner: Sachgebiet: Gesellschaft, Medizin und Gesundheitswissenschaften, Psychologie, Wirtschaft von: Arbeitsgemeinschaft der Wissenschaftlichen Medizinischen Fachgesellschaften Quelle: Informationsdienst Wissenschaft | ||||||||||
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