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Über Biokratie, Wissenschaft, Nichtwissen und die Genese des aktuellen AntiintellektualismusGrundsätzliches bei den "Augsburger Tagen der Forschung 2004" --- Hat die vom offenbar unaufhaltsamen Siegeszug der Biowissenschaften geprägte (post-)nationale Gesellschaft überhaupt noch die Möglichkeit, Einfluss darauf zu nehmen oder gar zu entscheiden, welche Natur sie will? Wie kann der Versuch der spätmodernen Gesellschaft, die Wissenschaft angesichts ihrer Vielstimmigkeit einer neuen Legitimationspflicht zu unterziehen, aussehen? Wie gehen wir eigentlich mit unserem unter umwelt- und risikopolitischen Gesichtspunkten zunehmend an Bedeutung gewinnenden Nichtwissen um? Und wie lässt sich der aggressive Ökonomismus und der dezidierte Antiintellektualismus, der unsere Gegenwart dominiert, aus den Entwicklungen der späten siebziger und der achtziger Jahre nachvollziehen? Auch mit solch grundsätzlichen Überlegungen, die den Blick über den Tellerrand eines nach Maßgabe dieses dominierenden Ökonomismus und Antiintellektualismus nurmehr reduzierten Mainstream-Wissenschafts- und Forschungsverständnisses hinaus noch zu wagen wagen, befassen sich mehrere Beiträge der "Augsburger Tage der Forschung 2004" (Gesamtprogramm http://www.uni-augsburg.de/tagederforschung). (idw) NATUR ODER GESELLSCHAFT? VON GENTOMATEN, GEKLONTEN EMBRYONEN UND ANDEREN MISCHWESEN In verschiedenen institutionellen Bereichen sind die Grenzen zwischen Gesellschaft und Natur, Subjektivem und Objektivem, Gewachsenem und Gemachtem unscharf geworden. So streiten Gesellschaften, mit zunehmendem Erfolg der Biowissenschaften, um die angemessene Definition des Lebensbeginns, wie sich anhand der Debatten um Stammzellenimporte, PID und Klonen nachzeichnen lässt. In höchstem Maße strittig ist auch die Frage, ob und in welcher Weise sich die Grenzen zwischen "natürlichem" und gen-technisch hergestellten Nahrungsmitteln ziehen lassen. Hat die (post-)nationale Gesellschaft überhaupt noch die Wahl zu entscheiden, welche Natur die Menschen wollen oder zieht mit den Biowissenschaften eine Ära der Biokratie herauf, an deren Horizonten das Ende der Natur aufscheint. Der Klon, die Gentomate und andere Mischwesen zwischen Natur und Gesellschaft sind nicht nur (mögliche) Artefakte technischer Praktiken, sie sind auch zentrale Symbole der Reflexion über die Frage des guten Lebens und der guten Gesellschaft. VERLIERT DIE WISSENSCHAFT IHRE OBJEKTIVITÄT? SCIENCE ASSESSMENT ALS WISSENSPOLITIK UND WISSENSCHAFTSMEDIATION Die Königin Wissenschaft wird in spätmodernen Gesellschaften aus alten Selbstverständlichkeiten vertrieben. Die Streitigkeiten in zentralen wissenschaftlich-technischen Feldern (der Gentechnologien, der Lebensmittelsicherheit oder der Nanotechnologie) zeigen, dass die Wissenschaft mit vielen Stimmen spricht - doch welche soll gesellschaftlich gültig sein? Um dies zu prüfen versucht die Gesellschaft, Wissen einer neuen Legitimationspflicht zu unterziehen. Jedoch: Wie kann dies aussehen? Zwei Möglichkeiten, Wissenschaftsmediation und Wissenspolitik, werden diskutiert. WIE GEHEN WIR MIT NICHTWISSEN UM? - NICHTWISSENSKULTUREN. EIN NEUER ANSATZ DER RISIKO- UND UMWELTFORSCHUNG In der Wissenschaftsforschung ebenso wie in der Umwelt- und Risikopolitik wird seit gut 20 Jahren die wachsende theoretische und empirische Bedeutung des Nichtwissens konstatiert. Eine vorsorgeorientierte Politik kann sich vor diesem Hintergrund nicht im Bearbeiten von wohldefinierbaren Risiken erschöpfen, sondern muss sich mit der Problematik dessen auseinandersetzen, was nicht gewusst und nicht vorhergesehen wird; sie muss fragen, weshalb es nicht gewusst wird und wie unter Bedingungen des Nichtwissens gehandelt und entschieden worden soll. Eine Vielzahl von im nachhinein aufgedeckten, gravierenden Fällen "unerkannten Nichtwissens", sei es bei den ozonzerstörenden FCKW, bei Contergan, Asbest oder der Rinderseuche BSE, verleihen diesen Forderungen ihre empirische Evidenz und politische Bedeutsamkeit. Um neue Wege für den wissenschaftlichen und politischen Umgang mit Nichtwissen aufzuzeigen, sind differenzierende Analysen und Fallstudien erforderlich. Anhand zweier ausgewählter aktueller Risikokontroversen werden in dem WZU-Forschungsprojekt "Nichtwissenskulturen" daher Formen, Möglichkeiten und Grenzen des Umgangs mit Nichtwissen im Spannungsfeld zwischen jeweils unterschiedlichen "epistemischen Kulturen" der Wissenschaft einerseits, gesellschaftlichen Problem- und Gestaltungsöffentlichkeiten andererseits untersucht werden. Mit den Debatten um "grüne" Gentechnik und Mobilfunk haben wir dafür zwei Untersuchungsfelder ausgewählt, die zum einen von stark polarisierten gesellschaftlichen Auseinandersetzungen um mögliche, aber gegenwärtig noch unbekannte negative Nebenwirkungen geprägt sind, zum anderen aber bereits ein etabliertes Netz institutionalisierter Regelungen aufweisen. Die beiden Untersuchungsfelder lassen deshalb einen besonderen Ertrag sowohl hinsichtlich der wissenschaftssoziologischen als auch der risikopolitischen Analyse erwarten. Im Mittelpunkt des Interesses steht dabei, neben der theoretischen Präzisierung von Schlüsselbegriffen wie "Nichtwissenskulturen" oder "Gestaltungsöffentlichkeiten", die Frage, welche unterschiedlichen Reaktionsformen und innovativen Perspektiven im Umgang mit Nichtwissen sich erkennen lassen: Wie könnten diese für die politische Risikoregulierung, für die Erhöhung des Reflexionspotenzials der Wissenschaften sowie für die Gestaltung des Verhältnisses von Wissenschaft und Gesellschaft genutzt werden? NEUE TECHNOLOGIEN, NEUE MEDIEN, NEUE IDEOLOGIEN! ÜBERLEGUNGEN ZUR KULTURGESCHICHTE DER ACHTZIGER JAHRE Zumindest vordergründig zeichneten sich Kultur und "Zeitgeist" der späten siebziger und achtziger Jahre durch ein fundamentales Paradox aus: Einerseits förderten ein tiefgreifendes ökologisches Krisenbewußtsein und die Angst vor der atomaren Katastrophe kulturpessimistische "Endzeitstimmungen"; andererseits setzte die rasante Entwicklung der Mikroelektronik eine neue Welle des technologisch und ökonomisch begründeten Fortschritts frei. Der Vortrag wird zeigen, wie im Verlauf der achtziger Jahre allen kulturkritischen und "postmodernen" Einreden zum Trotz ein neues Fortschritts- und Modernisierungsparadigma seinen Siegeszug antrat. In dem Maße freilich, wie seine Vertreter (und Profiteure) in Wirtschaft und Politik einen kulturellen Deutungsanspruch erhoben, entwickelte es zunehmend ideologische Züge. Die Herrschaft der instrumentellen Vernunft wurde in Form des Lobgesangs auf die "Neuen Technologien" und die "Neuen Medien" durchgesetzt. In den neunziger Jahren erreichte der entsprechende Deutungsanspruch kulturelle Hegemonie. Aufstieg (und Fall) der "New Economy" bereitete er ebenso den Boden wie dem aggressiven Ökonomismus und Antiintellektualismus der Gegenwart. GESAMTPROGRAMM DER "AUGSBURGER TAGE DER FORSCHUNG 2004": Sachgebiet: nicht-fachbezogen von: Universität Augsburg Quelle: Informationsdienst Wissenschaft | ||||||||||
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